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Advocatus diaboli

Nils hatte mich kürzlich angesprochen, ob ich nicht etwas über den „Advocatus diaboli“ schreiben könnte, nach einem kurzen Mailwechsel habe ich „ja“ gesagt. Aus dem Mailwechsel darf ich ihn mal kurz zitieren:

Habe nur das Gefühl bei uns im Team, dass Ergebnisse besser durchdacht sind, wenn ich mich pauschal auf die Gegenseite stelle.

Bevor ich versuche zu erklären warum das so ist lohnt sich ein Blick auf den Ursprung des Wortes. Der Begriff stammt aus der katholischen Kirche. Der (wörtlich übersetzt) Anwalt des Teufels hatte die Aufgabe im Verfahren einer Heiligsprechung Gegenargumente vorzulegen warum der Kandidat nicht heilig zu sprechen sei. Der Advocatus diaboli nahm also bewusst eine Gegenposition ein. Die Auseinandersetzung mit seinen Argumenten sollte die Qualität der finalen Entscheidung verbessern.

Soweit die historische Theorie – warum funktioniert das „Advocatus diaboli Prinzip“ auch wenn es z.B. um eine technische Entscheidung in einem Entwicklungsteam geht. Was hat eine Heiligsprechung mit der Entscheidung für einen Designentwurf gemeinsam 😉 Spaß bei Seite. Eine Entscheidungssituation ist gekennzeichnet, dass gedanklich mehrere Lösungsansätze im Raum stehen. Ich schreibe bewusst gedanklich, selbst bei einem gut vorbereiteten Brainstorming mit vielen Kärtchen an der Wand wird manche Idee erst im Laufe der Diskussion in den Köpfen der Beteiligten entstehen. Da die Kunst des Gedankenlesens noch nicht sehr weit verbreitet ist bleiben diese Ideen verborgen bis sie ausgesprochen werden. Das klingt trivial ist es aber nicht. Es gibt eine mehrere Hindernisse, die dafür sorgen, dass eine Idee in einer Gruppe nicht geäußert wird. Jede „abweichende“ Idee erzeugt im ersten Moment eine Abwehrhaltung. Selbst hervorragend gute und praktikable Ideen erzeugen im ersten Moment Widerstand. Dieses Widerstandsgefühl schlägt auf den Ideen-Aussprecher zurück. Das passiert IMMER bzw. ist so sicher wie das Amen in der Kirche. In einem sehr gut eingespielten Team ist dieses Widerstandsgefühl kein großes Problem und wird sehr schnell überwunden, die Idee findet entsprechend schnell Eingang in die Diskussion. Wenn aber ein Hauch von Unsicherheit im Raum schwebt, kann dieser Widerstand hartnäckig sein, entsprechend schnell wird die Idee zerredet und verschwindet wieder – was bleibt ist Frust. Dieser potentielle Frust ist das eine Hindernis warum manche Idee nicht einmal ausgesprochen wird, die Angst vor dem Widerstandsgefühl ist das andere.

Jetzt kommt der Advocatus diaboli ins Spiel. Er nimmt bewusst eine Gegenposition ein und äußert eine provozierend abweichende Idee. Der Widerstand, der sich im ersten Moment regt, wird damit beim Advocatus diaboli abgeladen, jemand anderes der bisher gezögert hatte seine nicht ganz so radikale Idee zu äußern hat den Rücken frei und rückt seine Idee raus – damit kommt die Diskussion mit neuen Aspekten besser in Schwung. Ggf. muss der Advocatus im weiteren Verlauf noch mehrmals eingreifen und Ideen ins Rennen werfen. Er nimmt schrittweise die Unsicherheit aus dem Spiel in dem er signalisiert, dass Querdenken erlaubt ist – dies kommt dann letztendlich der Qualität der Lösung zu gute.

Das hört sich ganz einfach an. Es gibt aber dennoch zwei Punkte auf die zu achten ist. Es kann nicht jeder den Advocatus diaboli spielen. Der Effekt, dass die Unsicherheit abgebaut wird, tritt nur ein, wenn der Advocatus selbst eine relativ sichere Rolle im Team hat und von anderen weitgehend akzeptiert ist. Wenn der unerfahrene Neuling eine teuflische Idee äußert, erntet er vielleicht Gelächter, vielleicht werden die Augen verdreht aber niemand wird dadurch ermuntert selbst eine gewagte Idee zu äußern. Der zweite Punkt auf den zu achten ist, ist die Dosierung. Wenn dieses Prinzip zu häufig angewandt wird, nutzt es sich schnell ab und verliert seine Wirkung. Der „Advocatus diaboli“ wird dann zum „Advocatus diabolicus“ d.h. dem teuflischen Anwalt, der scheinbar immer dagegen ist und letztendlich dem Team mehr schadet als nützt.

Über den Autor

Eberhard Huber

Dr. Eberhard Huber projekt (B)LOG: Selbstständiger Berater für Projektmanagement. Projektmanagement, Kommunikations-Training, Gruppendynamik und Teamentwicklung in Forschung, Lehre (Universität Mannheim, Universität Magdeburg) und Praxis.
Kommentare

14 Comments

  1. Ein Ansatz der sehr ähnlich ist und auch meistens funktioniert ist bei einer Idee, die alle gut finden sich bewusst auf die Gegenseite zu stellen. Oft findet man so doch noch die letzen Schwächen des Plans und verbessert ihn nochmal. Dieses Dagegensein sollte aber im Team durchwechseln, sonst ist man schnell der Buhmann.

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  2. @Ralf … IF SomeThing=TRUE THEN SomeThing=FALSE 😉

    @Nils … ein bisschen „böse“ ist okay. An der Buhmann Geschichte ist was dran. Man kann diese Gegenposition auch transparent als Moderationstechnik einsetzen – gewissermaßen mit Ankündigung – das mindert den Buhmann-Frust-Effekt die positive Wirkung auf die Diskussion bleibt aber erhalten.

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  3. Hallo Leute,

    ich fahre bei größeren Projekten eine ähnliche Strategie. Allerdings hatte ich in Diskussionen bei einer Werbeagentur, für die ich arbeitete, auch schon mal den Effekt, als „Nörgler“ dazustehen. Leute, die zwar Entscheidungen fällen sollen (Manager, Geschäftsführer), aber nicht in der Materie drinstehen, haben mit der kritischen Herangehensweise an eigene Projekte, oder Kundenprojekte, manchmal so ihre Probleme. Auch wenn man es ankündigt, läuft es innerhalb der eigentlichen Diskussion dann manchmal ganz schön quer. Höhepunkt einer solchen Aktion war, das ich gefragt wurde ob ich überhaupt hinter der Idee/dem Projekt stehe. Ich hatte die ganze Sache initiiert!

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  4. Der Advocatus diabolus setzt voraus, dass alle Beteiligten ein hohes Maß an Qualitätsdenken und Konfliktfähigkeit mitbringen.

    Ich stimme Mario zu. Man wird schnell als Nörgler, Pedant oder Verkomplizierer hingestellt. Das ist besonders dann der Fall, wenn man Dinge anspricht, die ein nur geringes Risikopotential haben. Ich halte es mit dem Leitsatz „an issue ignored is a crisis ensured“. Lieber früh auf Risiken hinweisen und sie antizipieren, als hinter bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken.

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  5. Was ist der Unterschied zwischen diesem Artikel mit diesem?
    http://www.pentaeder.de/projekte/2009/09/18/wie-funktioniert-das-mit-dem-advocatus-diaboli/

    Achte jetzt genau auf diesen Satz und die darausfolgenden Sätze:
    „Jetzt kommt der Advocatus diaboli ins Spiel…“

    Ähh??
    Genau…der Artikel bei pentader ist identisch mit diesem. Er war dummerweise zuerst veröffentlicht. Also ..bitte..wenn du den Artikel kopierst, dann benenne doch zumindest die Quelle!

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  6. @Replikat: Ich habe absolut kein Problem damit, wenn einer der phphatesme.com Autoren seine Artikel auch auf seinem persönlichen Blog postet. Meiner Meinung nach ist also alles richtig gelaufen!

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  7. @all … danke für die konstruktiven Kommentare. Es ist in der Tat sehr wichtig derartige Moderationsmethoden – nichts anderes ist es letztendlich – sehr bewusst einzusetzen.

    @Nils … danke für den Hinweis.

    @replikat … der projekt(B)LOG ist mein Blog. Der Artikel ist zudem nicht genau identisch 😉 ein bisschen Variation ist drin.

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  8. Ich finde es gut, aber nur wenn es mit Ankündigung läuft.
    Ansonsten gibt es nämlich durchaus einen anderen Effekt:
    Ich kenne zwei, drei Entwickler, die sind einfach gut. Ich muss neidlos sagen, besser als ich. Ja, soll vorkommen.
    Da lasse ich mich dann schon sehr leicht von ihnen überzeugen, weil ich einfach die Erfahrung gemacht habe: Wenn ich’s so mach, wie sie sagen, dann hab ich am Ende keine Probleme.
    Es kann jetzt zweierlei eintreten:
    Entweder ich verliere Stückweise die Achtung vor ihnen…
    Oder noch schlimmer: Wenn ich das nächste mal vor einer ähnlichen Entscheidung stehe, denke ich der xy hatte ja damals vorgeschlagen, man könnte es auch so machen. So falsch kann es dann ja gar nicht sein…
    Und dann wird dieser Diabolische Vorschlag umgesetzt.

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